Autorin, Verlegerin, Träumerin

Die Zähmung des Bösen - oder die fixierte Psychose

Tim Burton sagt, er hätte in sich soviel Gewalt, dass er sie durch seine Kunst ausdrücken muss.

Er drückt die Gewalt in sich aus, indem er sie in Kunst wandelt.

Als Künstler kann man die Gewalt in sich nutzen um Kunstwerke zu schaffen - die alltägliche Gewalt, die wir als Tier hätten ist "pervertiert" - jemand, der kein Künstler ist, drückt seine evolutionäre Gewalt vielleicht anders aus.

Oftmals drückt er sie anders aus - die Gewalt wendet sich gegen seine eigene Art.

Kunst ist eine Möglichkeit Gewalt in Kreativität umzuwandeln - jede Art der Kunst.

 Meine Kunst ist das Schreiben - Herzlich willkommen!

 

4 Kommentare 9.5.10 02:24, kommentieren

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Die Genialität des Wahnsinns

"Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen. Die andere Partei hingegen kennt beide Seiten." John Stuart Mill, Utilitarismus

George Steiner, Professor für Komparatistik an der Universität Oxford, lieferte 1998 zehn mögliche Gründe, warum Denken traurig macht.

Allgemein gesehen fällt es auf, dass besonders Genialität in den Naturwissenschaften anfällig zu machen scheint für diverse psychische Erkrankungen, auffallend häufig Psychosen. Wiederum diejenigen, die sich zur Kulturwissenschaft hingezogen fühlen, sind oft melancholischer als sie sein sollten. Studienfächer wie Medizin lassen oft eine gewisse Obsession vermuten.

Normalität oder Wahnsinn?

Wer legt fest, was normal ist?

Und wer bestimmt die Grenzen des Wahnsinns?

Ist es normal, wenn ein Mensch mit ausgeprägtem Verstand sich 40 Stunden pro Woche mit Banalitäten auseinandersetzen muss, um seine Familie zu ernähren? Oder grenzt das auch schon an eine Art des Wahnsinns?

Noch einmal zurück zur Aussage John Stuart Mills. Sind alle Genies unglücklich? Und wenn ja, was macht sie unglücklich? Ihre Art zu hinterfragen, oder dass sie die Welt sehen, wie sie ist? Und vor allem - würde ein Narr wählen zu einem Sokrates zu werden, wenn es dafür das Unglück in Kauf nehmen müsste? Und würde ein Sokrates das Leben eines Narrs wählen für eine Prise Glück?

 

 

3 Kommentare 12.5.10 01:56, kommentieren

Intellektualität als Resultat der Langeweile?

Betrachten wir das Wort Intellektualität etymologisch, kommt es von intellegere (lat. - verstehen).

Meine Frage heute ist -ist Intellektualität ein Resultat der Langeweile?

Langeweile, innere Leere, Fadesse, Monotonie.. 

Im modernen Dialog könnte "der Intellektuelle" als "Produkt der Langeweile" gesehen werden. Das Befassen mit gesellschaftlichen Problemen, mit sozialen Diskursen kann nur aus unsinnvoll genutzter Zeit hervorkommen, insofern es ein Mensch tut dessen Profession eine andere ist - ein Mensch, der seinen gesamten Tag mit Arbeit verbringt hat keine Zeit sich über gesellschaftliche, künstlerische und anders ambitionierte Probleme Gedanken zu machen. Selbst wenn die Kritik des Intellekts nicht zu dem Fachgebiet der betreffenden Person gehört, wird er ihn irgendwann kritisieren. Er ist ein Intellektueller. Wo aber nimmt er die Berechtigung zur Kritik her? Und warum meint er kritisieren zu können, wenn er oftmals keinen Lösungsvorschlag parat hat?

Ist es anmassend zu kritisieren, wenn die Kritik nur aus Langeweile entsteht? Oder ist die Ennui die einzige Form aus der Kritik tatsächlich entstehen kann? Und wer gilt heutzutage wirklich noch als Intellektueller? Macht eine akademische Ausbildung einen Menschen intellektuell? Betrachtet man die Bedeutung des Wortes, eindeutig nein - aber die Frage ist doch vielmehr, kann man auch ohne akademischen Werdegang intellektuell sein? Und als Intellektueller anerkannt werden?

Weiterhin stellt sich die Frage, würden die Menschen mehr nachdenken, wenn sie mehr Zeit hierfür nützen könnten? Insofern sie nicht abgelenkt sind durch gesellschaftliche Indoktrinationen, würden sie ihre Zeit verwenden um zu denken oder würden sie verzweifelt nach Ablenkungen suchen um nicht denken zu müssen? Tatsache ist, dass viele Menschen sich Ablenkungen suchen, Tatsache ist aber auch, dass Fadesse neue Arten von Denkmustern entstehen lassen kann. Werden die Menschen in unserer Welt deshalb krampfhaft von der Ennui ferngehalten? Werden sie es, sollte man sich aber auch fragen, weshalb wir ständig darauf trainiert werden schneller zu denken. Ein Beispiel hierfür ist, dass ein Mensch in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland durchschnittlich mit 1000 Werbebotschaften pro Tag konfrontiert ist. Wir werden ständig mit Reizen überflutet, unser Gehirn hat also keine andere Möglichkeit als sich dem anzupassen. Nicht bei allen endet dies in Abstumpfung.

Zurück zur Ausgangsfrage - ist Intellektualität ein Resultat der Langeweile?  Hätte der Intellektuelle Zeit intellektuell zu sein, wenn er keine Zeit hätte, sich mit intellektuellen Themen zu befassen? Oder ist Intellektualität Resultat eines großen Geistes?

 

Ich freue mich auf Eure persönlichen Nachrichten und die Diskussionen die daraus entstehen.

3 Kommentare 18.6.10 02:24, kommentieren

Traumturm

Der Schlaf hüllt mich ein wie ein schweres Tuch. Ich blicke auf den rauchenden Schornstein und weiß nicht, ob ich schon wach bin oder schlafwandle. Der Mond ist rund und hell, vor ihm hebt sich der Turm als schwarzer Schemen, einem Schatten gleich, in den Nachthimmel ab. Der Rauch ist dick, nur Schwaden, weiß, ein scharfer Kontrast zu der Nacht. Ich fühle mich schwindlig und frage mich immer noch, ob ich träume oder wache. Fühle mich wie ins Abseits geraten. Geräusche dringen zu mir vor, ich laufe zur Wohnungstür und will sie öffnen. Es geht nicht. Sie ist zu, verschlossen. Ich bin gefangen. In der Wohnung, vor der dieser Turm raucht, der mich so sehr an diese anderen Türme erinnert. Vor denen es kein Entrinnen gab. Ich habe Angst, sie schnürt mir die Kehle zu. Ich zittere. Am nächsten Morgen kann ich mich an die vergangene Nacht kaum noch erinnern. Müde und ausgelaugt. Ich laufe ins Wohnzimmer und betrachte den langen Turm, der etwa 50 Meter von dem Plattenbau in der kleinen Stadt, in der ich gerade lebe, in die Höhe wächst. Eigentlich wächst er nicht, er steht einfach nur da. Nur in meinem Kopf wächst er. Wird immer größer und bedrohlicher. Er erinnert mich an Dinge, an die ich nicht denken will. Und nicht denken kann. Er steht da wie ein Mahnmal, eine verblasste Erinnerung, die ich schön sauber eingemauert habe in meinem Kopf. Ich beschließe, den Tag zu Hause zu verbringen. Versuche, mich abzulenken. Ich bin müde und lege mich wieder ins Bett. Schlafe ein. Draußen spielen Kinder. Im Schlaf werden ihre Stimmen zu Dämonen, Wächter, die mich einsperren und nicht mehr weg lassen wollen.

Gefangen im Land

der Dämonen.

Kichernde Höllenwärter

Wächter der Zeit.

Der Schlaf bringt

- die Wahrheit.

Laufe im Traum

in den Nebel

der verbrannten Seelen.

Die Tür bleibt verschlossen

der Schornstein raucht

und die Kinder lachen

gefangen in mir selbst.

Dieser Ort ist verdammt. Als ich diesmal erwache, geht es mir noch schlechter. Ich will weg, ich muss weg, weil ich es nicht ertragen kann. Ich werde einfach umfallen, wenn mein Blick noch einmal auf diesen unerträglichen Schornstein fällt. Wenn ich noch einmal das Lachen der Dämonen höre. Ich schließe die Tür zum Wohnzimmer und versperre mir somit den Blick auf den ewig rauchenden Schornstein. Vorsorglich drehe ich den Schlüssel im Schloss, damit ich nicht in die Verlegenheit komme, die Augen schließen zu müssen, wenn sich ein Windstoß in meiner Wohnung verirrt und die Wohnzimmeraussicht freigibt. In meinem Kopf kann ich die Tür allerdings nicht mehr versperren, sie ist offen und quält mich, der Rauch geht nicht weg, egal, was ich mache. Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme eine Reisetasche und packe sie. Ich fahre weg hier. Sofort. Wenn ich bleibe, erwischen mich die Dämonen und das will ich nicht riskieren. Schließlich habe ich viel vor in den nächsten Monaten. Meine Abschlussarbeit wartet auf mich und irgendwann wird die Zeit dafür knapp. Das Manuskript ist im Wohnzimmer, ich seufze, soll ich noch mal da rein? Ich schließe die Augen und öffne sie erst wieder als ich vor dem Schreibtisch stehe. Mit dem Rücken zum Fenster. Hole den Papierstapel aus der Schublade und will gehen. Das gerahmte Bild an der Wand habe ich vergessen. Der Rauch spiegelt sich in dessen Scheibe wieder. Mein Kopf dröhnt und die Wand darin reißt weiter ein. Muss das wirklich sein? frage ich mich. Jetzt? Warum jetzt? Warum nicht in drei Monaten, in sechs, oder in drei Jahren oder dreißig oder sechzig? Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals bildet. Mein Blick fällt auf die Photographie meiner Großeltern, Graustufen. Trotzdem sieht man ihr Glück, die Verliebtheit, das junge Leben. Schon lange ausgelöscht. Ich sehe mein Gesicht in dem meines Großvaters, die Form der Augen, die schwarzen, gewellten Haare. Ich nehme das Bild kurzerhand aus dem Rahmen und stecke es zwischen die Manuskriptseiten. Vielleicht will ich es später ansehen. Wenn ich dort war. Will ich dort hin? Nein - ich will nicht.

Ich wandle im Schlaf

zu dem Turm

der die verbrannten Leiber ausspuckt.

der Rauch ist weiß

so weiß

zu WEIß

macht mir Angst

mir schwindelt

ich kann nicht fallen

und krieche weg

zum Tor

es ist verschlossen

verschlossen im Traum.

Aber ich muss, irgendwann muss ich dort hin und es mir ansehen, es fühlen und vielleicht verstehen. Wem bin ich das schuldig? Wenn nicht mir, dann meinem wunderschönen Großvater, meiner engelsgleichen Großmutter, die ich nie getroffen habe. Weil es sie schon lange nicht mehr gab, als ich gekommen bin. Oder doch mir? Mir, weil dann vielleicht die Alpträume ein Ende nehmen, weil dann keine Mauern in meinem Kopf mehr immer höher wachsen und weil ich mich dann freier fühle? Vielleicht will ich mich nicht freier fühlen? Vielleicht will ich das Leid spüren, den Schmerz und die Angst? Aber jede Nacht? Nein, das kann ich nicht wollen. Am Bahnhof ziehe ich ein Ticket zu meinen Eltern. Sie müssen es mir noch einmal sagen. Ob es wirklich so war. Ob sie es genau wissen. Ob es nur eine Vermutung ist. Im Zug schlafe ich wieder ein. Ich träume zu fliehen. Mit einem kleinen Rucksack, der viel zu schwer ist. Ich sehe Bäume, Sträucher, Häuser, alles nur Schatten, die an mir vorbeiziehen wie Wolken. Alles tut mir weh. In meinem Rucksack bewegt sich etwas, hinter mir ist etwas, eine drohende Gefahr. Ich weiß nichts, nur, dass ich weg muss, weil dort etwas in meinem Rucksack ist. Etwas, das Schutz braucht. Ich nehme ihn beim Laufen vom Rücken und öffne den Verschluss. Ich weine im Traum, darin ist ein Kind, ein winziges, wunderschönes Baby mit dunklen Augen. Ich presse den Sack an mich und plötzlich ist er leer. Ich schreie und laufe zurück, suche mein Baby im Dreck auf dem Boden und fühle die Gefahr näher kommen. Ich kann nicht weiter ohne dieses Kind. Dann sehe ich meine Verfolger. Große Männer mit braunen Anzügen. Sie halten mein Kind in den Händen. Ich knie im Dreck. Ich weine und der Schmerz überwältigt mich. Sie werfen mein Baby in den Dreck. Einer der Männer tritt immer wieder auf den kleinen Kopf. Haut und Blut vermischen sich mit  dunkler Erde. Ich erschrecke als grobe Hände mich packen. Plötzlich nur noch ein altes, faltiges Gesicht. "Kind, Sie träumen. Sie träumen schlecht." sagt die Frau, der das Gesicht gehört. Ich setze mich aufrechter. Die Traurigkeit aus dem Traum hält mich immer noch gefangen. Ich betrachte die Alte und frage mich, wo sie damals war. Was hat sie getan? Hat sie etwas getan? Ist ihr etwas angetan worden? Sie lächelt mich an. Ich sehe weg. Sie war doch nett zu mir. Warum kann ich nicht einfach beurteilen, was ich gerade sehe? Ich weiß nichts über sie. Sie muss nichts getan haben. Vielleicht war sie jahrelang in einem Kellerloch versteckt, vielleicht haben ihr Männer Dinge angetan, die sie nie vergessen hat. Damals.

Glattrasierte Schädel

laufen die Straße entlang

der alte Mann stockt

zittert

glatte Schädel

tausende

vermodernde Leiber

Erinnerungen treffen ihn

wie ein Blitz

zu Hause weint er

mit dem gelben Stern

in den faltigen Händen

Lernen sie es nie?

Meine Eltern warten schon am Bahnhof auf mich. Sie freuen sich. Und beobachten mich aufmerksam. Zu Hause frage ich sie. Sofort, ohne Umschweife. Meine Mutter setzt sich. Ihre Augen, die gerade noch vor Wiedersehensfreude geblitzt haben, sind innerhalb weniger Sekunden nass und voll Trauer. Mein Vater geht in die Küche und kommt kurz darauf mit einem Tablett voller Tassen mit dampfendem Kakao wieder.

Ich sehe, dass er geweint hat. Er fasst sich immer schnell wieder. Die beiden sind die einzigen gewesen, die übrig waren. Ganz klein und allein, am Ende. Ich bin spät geboren, sie haben lange auf mich gewartet. Sie sind alte Menschen. Ich habe Angst, sie zu verlieren. Wir sitzen alle am Tisch. "Was wisst Ihr darüber?" frage ich sie. Mein Vater erzählt. Nicht mehr, als ich ohnehin schon weiß. Sie haben es mir schon einmal erzählt. Ich will es trotzdem hören. Der Schmerz ist gerade eingekapselt in mir, kann mir nichts anhaben. "Ich fahre dorthin", sage ich. Meine Mutter nickt. Sie steht auf und kommt nach wenigen Minuten aus dem hinteren Teil des Hauses wieder. Sie zieht einen kleinen Koffer hinter sich her. Mein Vater betrachtet sie kurz, schüttelt den Kopf, blickt dann aus dem Fenster. Er steht auf, nimmt sie in den Arm. Dann verschwindet er wie sie kurz vorher im Schlafzimmer. Wir hören ihn rumoren, zwei Minuten später kommt er mit seiner Reisetasche aus dem Raum. Die Fahrt ist lange, wir übernachten zweimal in irgendwelchen Pensionen. Am Tag, als wir dort sind, sprechen wir nicht mehr viel miteinander. Meine Mutter legt mir ständig den Arm um die Schultern, ich bin unsicher, aber irgendwie weiß ich, es ist das richtige. Meine Eltern waren schon einmal hier. "Es ist alles so herunter gekommen." seufzt mein Vater. Ich bin wieder gefangen in mir selbst. Auschwitz. Auschwitz - Birkenau. Wie ich es in meinen Alpträumen gesehen habe. Wie oft bin ich mit meiner Großmutter hierher gefahren, eingehüllt von ihrer Angst und ihrer Unsicherheit, lag im Arm meines Großvaters, im Traum, in diesem Viehwagen der deutschen Bahn? Ich gehe langsam, betrachte alles genau. Der Eingang. Es ist so groß. Ich kann nicht fassen, wie groß es ist. Sie haben davon nichts gesehen, sie waren nicht lange hier. Nur lange genug um zu sterben. Keine Chance. Raus aus dem Zug, rein in den Tod. So war es. Ich weiß es. Keine Chance für nichts. Keine Chance zur Flucht, zum Selbstmord, zu nichts. Nicht mal zum begreifen. Sie müssen es erst bemerkt haben, als die Türen hinter ihnen schon verschlossen waren. Am Ende war nichts mehr übrig außer weißem Rauch, von ihren Träumen und ihrer großen Liebe. Zu Ende. Ich laufe wie eine Schlafwandlerin über das Gelände. Das Gras ist so grün. Es scheint mich zu verspotten. Warum kann es nicht braun sein oder gar nicht mehr wachsen? Selbst das scheint mir unfair. Meine Eltern halten sich in den Armen und laufen in geringem Abstand hinter mir. Ich laufe immer schneller. Eine Aura des Schmerzes, der Kummer und irgendwo darunter ein Rest des Bösen ist immer noch präsent an diesem Ort. Es lässt sich nicht leugnen. Mich erreicht nichts. Ich bin wieder eingehüllt in Wolken. Ich laufe und laufe, und sehe doch nichts mehr. Und dann liegt es da. Ein winziges Stück Stacheldraht. Verrostet, mitten im Gras. Ich bücke mich, nehme es in die Hand. Es ist kalt und rau. Holt mich in die Wirklichkeit. Ich kann nicht mehr aufstehen. Sitze im grünen Gras mit diesem Stück Vergangenheit in der Hand und die Schleier fallen ab von mir. Die Wolken ziehen sich zurück. Zum ersten Mal begreife ich wirklich. Ich spüre den Schmerz. Diesmal meinen eigenen Schmerz. Die Ungerechtigkeit. Ich höre mich schreien, aber mein Schrei ist weit weg. Ich spüre die Tränen, fern auf meinen Wangen, die Trauer ist soviel näher, hier war es also, hier ist es passiert, hier sind diese beiden Menschen, die mir ihr Gesicht gegeben haben, gewesen. Waren sie zusammen? Wurden sie kurz vorher noch getrennt? Was haben sie gedacht? Was haben die anderen gedacht? All diese Menschen, diese Leben, die Familien, die Kinder und die Alten? Wem haben sie vorher in die Augen gesehen? Hat sich irgendeiner von denen an sie erinnert, irgendwann? Oder waren es zu viele um sich an einzelne zu erinnern? Ich weine, der Schmerz wird nicht weniger. Die Bilder dieses Ortes fressen sich in meine Gedanken, in mein Gehirn und ich weiß, die werde ich nicht mehr los. Und das ist gut so. Es gehört zu mir. Zu meinem Leben. Einem Leben das diesem Ort trotzt. Immer noch. Auf der Rückfahrt betrachte ich meine Mutter im Spiegel des Autos. Sie ist so eine schöne Frau. Dunkle Augen, die ihr Alter Lügen strafen. Ich schlafe ein. Der Traum hüllt mich in Watte. Ich tanze mit meinen Großeltern in ihrem hellen, großen Haus. Sie lachen. Sie sind glücklich. Ich sehe, dass meine Großmutter einen kleinen, runden Bauch vor sich herträgt. Mein Großvater lacht. In seinen Augen blitzt der Schalk. Das Traumbild wendet sich. Meine Großmutter rennt. Sie ist dünner geworden, trägt ein Bündel vor sich. Sie trifft eine Frau, die sie verstört ansieht. "Nimm sie" ,fordert sie diese auf. "Bitte, nimm sie", weint sie. Die Frau zögert nur kurz, bevor sie meiner schönen Großmutter das Bündel abnimmt. Meine Mutter ist ein hübsches Baby. Meine Großmutter nickt, blickt noch einmal zu meiner Mutter und wendet sich schnell ab. Ich wache auf. Sehe meine Mutter aus dem Fenster blicken. Ich bin friedlich. Traurig und zufrieden. Nicht alle sind schlecht. Manche sind gut. Meine Mutter lebt, weil es gute Menschen gibt. Die mutig sind, wenn ihr Herz sie dazu auffordert.

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Schlafmund

 

 

 

 

 

"Schlafmund"

freie Lyrik

Ausschnitt "ein Traum warst Du

                kurz aufgeblüht

                ein Moment

                der blaue Mohn

                und das Feuer

                kalt und heiß

                nur ein Augenblick"

 

ISBN 9783839169612

Herausgeber D.B. Heilman

Janine Eve Anne Hierreth

 

 

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